Montag, 24. Oktober 2011
Auch das enthält eine Lektion - natürlich^^
"Nehmen Sie noch einen Augenblick im Wartezimmer Platz, bitte."
Ja, kein Problem. Ich bin beim Zahnarzt, das Wartezimmer ist leer und ich schließ direkt die Augen. Es ist noch früh und ich träum´noch so ein bißchen vor mich hin.
Dann geht die Tür auf und eine alte Dame kommt herein. Offensichtlich schon recht alt, aber sehr energiegeladen. Ihre ganzen Bewegungen wirken fast jugendlich. Sie grüßt mich freundlich, nimmt die Tageszeitung und setzt sich direkt neben mich.

Und dann geht´s los. Sie liest mir jeden Artikel der Polizeiberichte vor. Hier ist jemand überfallen worden, dort wurden Autos aufgebrochen, zwei Orte weiter wird ein Mann gesucht...
Ähm. Hallo? Ich möchte das nicht hören!
Aber sie schwingt sich zur Hochform auf. Was mit der Welt los sei, was mit den Menschen los sei und wo das hinführen soll.
Meine gute Erziehung verbietet mir, ihr zu sagen, dass sie mich in Ruhe lassen soll damit.
"Bitte, liebes Universum - warum?"
Ich wende den Kopf ab, und nehme mir vor, sie einfach nicht zu beachten. Und -Zack!- hab ich die Zeitung direkt vorm Gesicht und eine empörte alte Dame zeigt mir den Riesenbericht über 300 verbrannte Schweine.
Dat is jetzt nicht wahr, oder??!

Bevor ich mich irgendwie wehren kann, hat sie durch ihre Kommentare ein Bild in meinem Kopf kreiert. 300 Schweine verbrennen elendig in dem Stall.
Schlusskommentar:"Woanders verhungern die Menschen, und hier verbrennen 300 Schweine."
Alter Schwede. Dat is´ ´ne Attacke. Ich fühl` mich angeschossen. Was tun?
Das Radio! Ich konzentriere mich jetzt einfach auf das Radio, und höre sie gar nicht mehr...
Tja, das war ´ne blöde Entscheidung.
Da läuft gerade die Sendung "Stichtag" und der Sprecher berichtet über eine Frau die verlassen und allein, unter furchtbaren Schmerzen, ohne Verpflegung elendig...
Irgendwann 18hundertsoundso - keine Ahnung.

Ok. Gut. Was soll das?
Ich denke an meinen Beitrag "Positive Ausstrahlung". Da muss ich ja schon wieder lachen. Hier wird gerade alles dafür getan, meine Schwingung in den Keller zu bringen. Schön. Können wir ja gleich mal ausprobieren, ob wir beherrschen was wir schreiben, ne?
Indem mir das alles so bewusst wird, hebt sich meine Stimmung schon wieder. Was so alles auf einen Menschen einstürmen kann, obwohl er nichts weiter tut, als auf seinen Zahnarzttermin zu warten! (Und es geht einem ja schon sowieso nicht soo blendend, wenn man im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzt, oder?)

Meine Gedanken wirken, ich grinse in mich hinein, und bin dann auch dran. Puh.^^
Attacke abgewehrt. :-)

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In mir arbeitet es. Ich suche wie immer den Sinn. Aber das muss ein bißchen warten, denn am nächsten Tag bin ich von halb neun bis halb sieben arbeiten. Wir haben eine Aktion mit Glücksrad und so, und das lenkt ab.
Ich stehe draussen vor der Filiale und animiere Passanten an unserem Glücksrad zu drehen. Eine Stammkundin kommt mit ihrem wirklich großen Fahrrad (so eins mit zwei Hinterrädern und Korb hinten drauf und so) und hält mitten im Weg an. Freundlich gehe ich zu ihr und erzähle ihr von unserer Aktion. Sie möchte mitmachen, dreht sich um und sagt lächelnd:"Aber wo parke ich das Ding?"
"Das ist aber auch ein Gerät..." sage ich mit ausladender Geste Richtung Fahrrad - ja, und dann fängt sie an zu weinen.
°.° Ups.

Ich lass´ das Glücksrad Glücksrad sein, und wir entfernen uns ein Stück. Inzwischen habe ich sie im Arm und sie erzählt mir, dass sie seit ihrem zweiten Schlaganfall kein Auto mehr fahren darf.
Mich trifft das sehr, da mein Vater nach seinem Schlaganfall rechtsseitig gelähmt war, und ein halbes Jahr später gestorben ist. Übermorgen jährt sich sein Todestag zum zweiten Mal, und ich bin da grad echt im Thema...
Ich kann sie trösten. Immerhin ist sie mobil, steht hier vor mir und wir unterhalten uns. Die Sonne scheint und sie erholt sich recht schnell. Wir lächeln uns an und die Situation ist vorüber. Puh. Wieder eine Attacke. Ich könnte jetzt ohne Probleme in die Trauer um meinen Vater versinken, ich war ja eh schon angeschossen von Steffens Geschichte...
Aber auch das geht wieder vorbei, weil ich von Fröhlichkeit und Aktion umgeben bin.

Am nächsten Tag habe ich Zeit alles zu überdenken und zu begreifen. Was wurde mir präsentiert?
Wenn ich die Tageszeitung nicht lese, weil ich das alles nicht in meinem Kopf haben will - wird sie mir vorgelesen.
Wenn ich zu Hause kein Radio höre - werde ich im Wartezimmer dazu "gezwungen".
Wenn ich die Bilder meines halbseitig gelähmten Vaters nicht in meinen Kopf lasse, kommt jemand daher, der die Erinnerung weckt.

Weglaufen is´ nicht. Ich muss mich mit diesen Dingen auseinandersetzen. Offensichtlich. Die Frage ist, was ich daraus mache, wie ich damit umgehe. Ich bitte meine Engel um Hilfe. Endlich kommt mir dann doch mal dieser Gedanke. Jaaaa, jetzt wird´s spirituell. ;-)
Was mich als Mnesch am meisten belastet, ist das Gefühl nichts tun zu können. Es geschehen schlimme Dinge und ich stehe hilflos daneben. Das macht manches fast unerträglich für mich. Deshalb lese ich keine Zeitung und höre/schaue keine Nachrichten.
Es entstehen Bilder in meinem Kopf zu jeder Nachricht und helfen kann ich ja eh nicht.

Aber vielleicht doch. Was wir immer alle tun können, ist Liebe senden.
(jaaa, -roll mit den Augen- ich hab ja gesagt, es wird spirituell^^)
Aber wir können was tun. Wir können das Mitgefühl das wir spüren, als Liebe zu den Menschen schicken, die es betrifft.
Jetzt aktuell übrigens in die Türkei. Wenn wir alle Liebe und Mitgefühl dorthin schicken, wo schreckliche Dinge passieren, wird es den Menschen dort helfen. Auch und besonders die Hinterbliebenen der Opfer werden das spüren. Und es wird ihnen helfen.

Also tue ich das. Und ich denke an die alte Dame im Wartezimmer, und schicke ihr Liebe. Ich denke an den armen Radiomenschen der das vorlesen musste, und schicke ihm Liebe. Natürlich die dame mit dem Fahrrad - Liebe und Mitgefühl für sie.
Und - jetzt wird´s schwierig - ich denke an Steffens Klassenkameraden. Speziell an a, b und d. Liebe schicken, Hmhmmmm...^^

Aber da sind wir an dem Punkt. Spirituell betrachtet verschlimmere ich die Situation durch meine Wut, meine Enttäuschung. Ich habe gelernt, dass ich gerade in eine solche Situation Liebe schicken sollte. Und nein! - das ist mir noch nicht gelungen, obwohl das alles ja schon seit dem Dauermobbing im Sauerlandlager läuft.
Autsch.
Vielleicht wird mir gerade klar, wohin mich das alles führen sollte.

Da ist mir übrigens Steffen schon wieder weit voraus. (bißchen ärgerlich^^)
Er hat ja die ganze Zeit schon nicht wirklich Wut. Er ist traurig, ja. Aber nicht böse.
Noch vor einigen Tagen hat er mir erfreut erzählt, dass a ihn angelächelt hat und b irgendwas nettes gesagt hat. Wenn er wütend wäre, hätte er das entweder gar nicht bemerkt, oder anders darauf reagiert. Jedenfalls nicht erfreut.

Aber was hat es dann zu bedeuten, dass sie ihn jetzt wieder massiv gemobbt haben?
Steffen kann, wie übrigens alle Kinder, seinen Schutzengel rufen und mit ihm sprechen.
(jaaaa, et is´ spirituell^^ :D)
So. Und sein Schutzengel hat ihm geraten, sich jetzt erst einmal ganz fernzuhalten von den Kids, auf nichts einzugehen, auch nicht auf "Nettes", und an sich zu arbeiten.
Er soll sein Selbstwertgefühl aufbauen. Er soll also nicht versuchen die anderen zu ändern (das ist übrigens auch eine spirituelle Lehre..), sondern er soll an sich arbeiten.
Die anderen können wir nicht ändern, aber wir können uns ändern.
Und das rät ihm sein Schutzengel.
Und auch ein konkreter Vorschlag - er soll etwas "erschaffen" auf das er dann stolz sein kann. Modellbau wär gut.
Während ich ja eher an Karate oder ein Musikinstrument dachte, schlägt sein Schutzengel Modellbau vor, um Erfolge zu erzielen, die dann dem Selbstwertgefühl, dem Selbstvertrauen gut tun.
Und das will er jetzt in Angriff nehmen. Ich werd´ dann davon berichten.

So. Und jetzt sag´ noch mal einer was gegen Spiritualität! :D
Man muss ja nicht tiefenentspannt den Tag in Meditationshaltung verbringen.^^
Nur die Dinge ein bißchen anders betrachten, nach dem Sinn suchen, die Lehre erkennen.

Eine Situation kann sich nicht zum Guten wenden, wenn ich Wut sende.
Wir stehen nicht hilflos da, wenn Katastrophen und Verbrechen geschehen; wir können helfen indem wir Liebe und Mitgefühl senden.
Wir können andere nicht ändern, aber wir können uns ändern.
Wenn jeder an sich arbeitet, wenn jeder für sich Liebe und Mitgefühl in sein Leben lässt,
verändert sich die Welt. :-)

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